Ein altes Bootswrack als Motiv

Ein Motiv, zwei Bilder

Kommentare 6
Bilder, Fotogrundwissen, Schwarz & Weiß

Viele Menschen sind der Meinung, dass Fotos die Realität zeigen müssen. Motiv und Umgebung sollen möglichst unverfälscht abgebildet sein. In vielerlei Hinsicht ist das auch nicht falsch. Sieht man Bilder in der Zeitung, sollte man davon ausgehen können, dass sie einen dokumentierenden, wahren Charakter haben. Es wird erwartet, dass Orte und Geschehnisse möglichst objektiv abgebildet werden.

Wie sieht es jedoch abseits der dokumentierenden Fotografie aus?

Hier hat der Fotograf die Möglichkeit, die Welt so zu sehen wie er möchte. Er kann die „Wahrheit“ beeinflussen. Durch die Wahl der Perspektive, des Bildausschnittes, der Farben und der Einstellung seiner Kamera, kann er Bilder erzeugen, die unterschiedliche Wirkungen beim Betrachter hervorrufen und somit auch unterschiedlich interpretiert werden können.

Das Bootsmotiv geknippst

Das Boot dürfte von vielen, die sich nicht mit dem Motiv beschäftigen, möglicherweise auf die gezeigte Art im „vorbeigehen“ fotografiert werden. Dokumentarisch, jedoch auch ein wenig langweilig.

Die hier gezeigten Bilder sind an der Juliusplate, einem kleinen Abschnitt der Weser, ganz in der Nähe von Bremerhaven entstanden. Das Motiv, ein altes Bootswrack, ist identisch. Die Bilder unterscheiden sich jedoch, durch die Perspektive, in der Farbgebung, der gewählten Brennweite und dem Bildformat.

Ein altes Boot als Motiv

140 mm [@KB], f6.3, +0,3EV 1/25 Sek., Olympus Artfilter „Vintage“ mit Miniatureffekt. Keine Bildbearbeitung.

Das bunte Bild wirkt ein wenig melancholisch, romantisch. Das Kraftwerk im Hintergrund ist durch Unschärfe, sowie einer Überbelichtung ausgeblendet und bleibt dem Betrachter verborgen. Wer ganz genau hinschaut, der kann links zwischen den Ästen des Baumes und dem Riedgras schemenhaft die kreuzförmige Form eines Strommastes des Kraftwerkes erkennen. Eine Manipulation der Wirklichkeit.

Das Bild "Ebbe" mit einem Boot als Motiv

80 mm [@KB], f5.6, +0,7EV 1/40 Sek., S/W Bearbeitung mit NIK Silver Efex Pro 2.0

Das Schwarz-Weiß-Bild hat zwar dasselbe Boot als Motiv, durch seine Position im Bild, steht es jedoch nicht unbedingt im Mittelpunkt des Interesses. Hier wirken mehr die Schattierungen, die Hell- / Dunkelkontraste, welche bei Ebbe im Schlick zu sehen sind. Die Steine im Vordergrund, bilden zu denen im Hintergrund, einen tiefenwirksamen Größenkontrast. Das Hochformat ermöglicht einen gedehnten Mittelgrund, welcher eine große Fläche für die Führungslinie des Priels bietet. Diese Linie, leitet den Blick des Betrachters auf das eigentliche Motiv.

Die Bildwirkung ist auch hier eine völlig andere, als beim ersten gezeigten Bild.

Die Möglichkeit, die eigene Sicht auf die Welt festzuhalten, ist einer der Aspekte, welche die „Faszination“ Fotografie ausmachen. Dass diese Sicht sehr unterschiedlich sein kann, obwohl ein und dieselbe Lokation fotografiert wurde, soll hier gezeigt werden.

6 Kommentare

  1. Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass Fotografie nie objektiv ist, sondern immer ein Stilmittel des Fotografen ist. Wenn fünf Leute ein Objekt fotografieren werden fünf verschiedene Bilder heraus kommen. Selbst die sogenannte Dokumentarfotografie ist subjektiv, da sie eine bestimmte Bildaussaage erzielen will.
    Liebe Grüße Eva

    • Genau das war meine Idee für den Artikel. Gerade als Einsteiger in die Fotografie sieht man Fotografien als ein rel. eindeutiges Abbild der Wirklichkeit. Jedenfalls ging mir das so. Das die „Realität“ durch verschiedene Mittel der Fotografie auch ohne aufwändiges, nachträgliches Composing sehr unterschiedlich wirken kann, wird einem erst klar, wenn man sich etwas intensiver mit der Materie auseinander setzt.

      Gruß Kai

Deine / Ihre Meinung zu...

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.